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Mensa Talk mit Prof. Werner Patzelt

Ein Artikel aus der SPIEGEL-EI-Ausgabe 21/2005, gültig vom 07.11.2005 bis 20.11.2005.

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Am Mittwoch, dem 19.10., fand in der gut besuchten Mensa Bergstraße nach einer langen (Sommer-) Pause wieder ein Mensa Talk statt. Und siehe … er war gut. Oder, um den Kommentar von Moderator Mario Thiel vorweg zu nehmen: „ … es war mir ein Fest, mit Ihnen zu sprechen:“ Gemeint war Prof. Werner Patzelt, bekannt als Parlamentarismusforscher, aktueller Gast beim Mensa Talk. Er wirkt an der TU Dresden, in der Philosophischen Fakultät und ist Lehrstuhlinhaber am Institut für Politikwissenschaften, Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleiche. Ein etwas kompliziert klingender Titel, der gleich am Anfang zu der Frage führte, welche Art von Menschen denn den Weg zum Studium der Politikwissenschaft fände? Prof. Patzelt, der nie auch nur eine Sekunde zögern muss, um eine schlagfertige Antwort parat zu haben: „Jeder Student, der sich aus welchen Gründen auch immer für Politik interessiert und dessen Erwartungen nur dann enttäuscht werden, wenn er die „…Fortsetzung der Stammtischdiskussion mit anderen Mitteln erwartet.“ Nebenbei kam zur Sprache, dass nur wenige Politikwissenschaftler auch wirklich hauptberuflich in der großen Politik landen. Immerhin sitzt eine Absolventin und jetzige Mitarbeiterin von Prof. Patzelt für die SPD im Stadtrat, so dass an seinem Lehrstuhl „…schon lange bevor sie in der Bundespolitik eine Rolle spielte, eine große Koalition vorweggenommen wurde…“, denn er selber sei Mitglied der CDU.

Mario Thiel zitiert eine Aussage von Prof. Patzelt aus der Zeit vor der Bundestagswahl: „…die CDU müsste schon sehr große Fehler machen, um die Wahl zu verlieren“, woraufhin eine glasklare Fehleranalyse des Wahlkampfes der CDU erfolgte, z.B. als große Volkspartei zu wenig auf den linken Flügel/die sozialen Fragen eingegangen zu sein; der Umgang mit dem „Trumpf“ Paul Kirchhoff, der als liberaler Vorkämpfer in Sachen Steuerrecht präsentiert und nach der ersten zu erwartenden Kritik wieder zurückgenommen wurde, und schließlich: “…allzu viel Wahrheiten, noch dazu unbequeme, sollte man im Wahlkampf nicht präsentieren!“

War die CDU zu ehrlich und hat deshalb die Wahl verloren? Es gäbe eine selbstmörderische Ehrlichkeit, lautet die Aussage, „ ... das (Wahl)Volk will betrogen sein.“

Wie lautet der Kommentar zu den neuen Gesichtern im gerade aufgestellten Kabinett? „Herr Stoiber verspricht jetzt, die große, nationale Nummer zu werden, dabei hätte er es so gut haben können als Bundespräsident“ (nebenbei erfährt das Publikum, dass das auch der Traumjob von Herrn Patzelt wäre)… und dass die CDU den „unangenehmsten aller Jobs – den des Finanzministers – an die Sozis abgetreten hat, ist doch ganz schön abgefeimt.“
Ob Angela Merkel sich als Bundeskanzlerin vier Jahre lang halten wird und die Koalition so lange andauert? Werner Patzelt sieht die Chancen dafür 50:50, aber schließlich ist die große Koalition das, „…was die Wähler offensichtlicht gewollt haben“, und unterm Strich kommt mehr raus, zwei bis drei Jahre stabile Arbeit sind möglich, bevor der Wahlkampf wieder beginnt. Die wechselseitigen Schuldzuweisungen zwischen SPD und CDU haben vorerst ein Ende.

Der gebürtige Passauer Werner Patzelt ist in seiner Freizeit ein Meister der Harmonien, der musikalischen nämlich, er spielt Cello und ist als Chorleiter tätig, veranstaltet auch Chorseminare, früher in der Bayerischen Heimat und jetzt in sächsischen Landen. Letztes Zitat: „Wenn sich irgendwo die deutsche Wiedervereinigung schon vollzogen hat, dann unter den Chören.“

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