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Heißt es Aufzug oder Fahrstuhl? Ein Tag im Leben eines Hausmeisters

Ein Artikel aus der SPIEGEL-EI-Ausgabe 6/2006, gültig vom 13.03.2006 bis 27.03.2006.

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Gleich zu Anfang meines Besuches präsentiert mir Uwe Krause, Hausmeister in den Wohnheimen Budapester Straße 22 und 24, den phantastischen Blick, den man vom Dachgeschoss hat: Eisenbahnfans würden beim Ausblick auf die Gleisanlagen der Deutschen Bahn und das neue Dach des Dresdner Hauptbahnhofes jubeln, Dresdner Lokalpatrioten wären wohl eher für den Blick auf Rathausturm und die Kuppel der Frauenkirche zu begeistern… Einige Studenten haben das Glück und hier in der 11. (letzten) Etage ein Zimmer, aber auch in den anderen Etagen kann sich Herr Krause nicht über mangelnde Auslastung beschweren.

Um aber in die 11.Etage zu kommen, benutzen wir logischerweise den Fahrstuhl, wie ich als Laie das Ding nennen würde. Aber, so verbessert mich Herr Krause, heute heißt das Aufzug. Das hat ihm mal ein Bauleiter erklärt. Manchmal, seufzt er, müsse man sich von Bauleitern korrigieren lassen. Aber das ist wohl das Schlimmste, was ihm passieren kann. Mit „seinen“ Studenten kommt er aus, erreichbar ist er immer – über seinen Briefkasten an der Bürotür oder kurzfristig per Handy. Und seine Studenten danken ihm das und halten dem Wohnheim die Treue. Mit 164 Plätzen pro Hochhaus hat er schon eine Menge zu tun und vermittelt dennoch das Gefühl, dass er alles im Griff hat.

Der Neueinzug im Oktober? Ja, da kämen schon mal auf einen Schlag um die 180 neue Bewohner in wenigen Tagen auf ihn zu, aber das ist ja nur einmal im Jahr… Winterdienst? Macht eine Fremdfirma, aber wenn es mehrmals am Tag schneit, dann nimmt er schon auch mal einen Eimer Sand und stumpft die glatten Wege ab. So, wie Herr Krause seine Arbeit beschreibt, nimmt man ihm ab, dass er gern dabei ist. Sonst wäre er wohl auch nicht seit 20 Jahren Hausmeister.

Als gelernter Feinmechaniker (Ausbildung bei der Firma SBS – Altdresdner kennen noch die Abkürzung für Brücken- und Stahlhochbau – da wurden auch Fahrstühle, pardon, Aufzüge gebaut) hat Uwe Krause natürlich goldene Hände, nicht unbedingt die schlechteste Voraussetzung für seinen Tätigkeit.
Begonnen hat er als Hausmeister im Wohnheim Gerokstraße im Jahr 1986, damals waren die Wohnheim noch dezentralisiert und gehörten jeweils zu einer bestimmten Hochschule, im Falle der Gerokstraße war das die Pädagogische Hochschule. Ab 1991 wurden dann alle Wohnheime vom Studentenwerk Dresden übernommen, und 1994 wechselte Herr Krause in die Semperstraße. Dieses Wohnheim existiert heute nicht mehr als solches, denn es wurde nie saniert, war riesig groß, immer weniger ausgelastet, manche würden sagen: ungemütlich. Aber Uwe Krause verteidigt „sein“ Wohnheim, indem er neun Jahre lang arbeitete: „Der Rasen hinterm Haus hatte fast Golfplatzqualität, und wenn man den 50-er-Jahre Charme des Gebäudes zu schätzen wusste, konnte man sich durchaus wohl fühlen…“ Nichtsdestotrotz fühlt sich der Hausmeister auch in den Hochhäusern der Budapester Straße wohl, zu den Studenten vom Club „New Feeling“, der im Anbau seine Veranstaltungen durchführt, hat er ein gutes Verhältnis, da hilft er schon mal bei Inbetriebnahme der Lüftungsanlage und kümmert sich darum, dass der Eingang zum Club aufgeräumt ist.

Uwe Krause gehört mit sechs weiteren Kollegen zum Bereich III von insgesamt drei Wohnheim-Bereichen in Dresden. Zum Studentenwerk Dresden gehören alles in allem 24 Hausmeister in 48 Wohnheimen. Die Hausmeister halten Verbindung zum Studentenwerk über die Wohnheimbereichsleiter und die Belegungsmitarbeiter, die den Studenten die Mietverträge ausstellen.
Dresdner Studenten schätzen die „kurzen Wege“. Wenn ein Wasserhahn tropft oder die Tür nicht schließt, genügt ein Anruf oder eine Notiz, und der Hausmeister erledigt die Reparatur entweder selbst oder stellt einen Auftrag aus.

Je zufriedener die Studenten sind, umso besser ist es für den Hausmeister. Sonst ziehen sie aus oder um, und dann muss er die Zimmer abnehmen, die Kautionsrückzahlung bestätigen oder Malerarbeiten veranlassen. Bei Uwe Krause werden die Studenten wohl lange wohnen bleiben… Im Ausgleich zur bewegungsreichen Arbeit ist Uwe Krause auch in der Freizeit mobil – der gebürtige Dresdner ist ein Motorrad-Freak, stolzer Besitzer einer BMW R 1150 R und auch der Urlaub wird natürlich auf dem Bike verbracht. Bleibt zum Schluss der Trost: Aufzug heißt es, weil heutzutage kein Stuhl mehr für den ebenfalls nicht mehr vorhandenen Fahrstuhlführer im Fahrstuhl steht. Und: auch Bauleiter müssen sich gelegentlich belehren lassen. Vom Architekten.
Anja Buch

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