Ihre Position:

Schon 40 Jahre rum…? Vorgestellt: Kassiererin Erika Richter

Ein Artikel aus der SPIEGEL-EI-Ausgabe 17/2006, gültig vom 14.08.2006 bis 27.08.2006.

Hinweis: Die Angaben in diesem Artikel sind möglicherweise nicht mehr aktuell
Dieser Artikel stammt aus einer älteren SPIEGEL-EI-Ausgabe. Bitte beachten Sie, dass sich Informationen z.B. zu Öffnungzeiten oder Ansprechpartnern in der Zwischenzeit geändert haben können.

Seit fast 40 Jahren fährt Erika Richter jeden Morgen zur Alten Mensa. Seit drei Jahren wird diese Mensa saniert, und sie lenkt ihre Schritte ca. 500 m weiter nördlich in die Zeltmensa ESSE (Interimsmensa während des Umbaus der Alten Mensa Mommsenstraße).

Während am Vormittag vorbereitende Tätigkeiten für das Mittagsgeschäft durchzuführen sind, beginnt ab 10.45 Uhr ihre eigentliche Arbeit an einer von zwei Kassen. Ist es Zufall oder Methode, dass bei Erika Richter immer die meisten Leute bezahlen wollen? Sie hält es natürlich für einen Zufall, dass bei Ihr immer die längere Schlange hungriger Studenten steht, aber wer sie kennen lernt, weiß, dass ihre freundliche und zuvorkommende Art wesentlichen Anteil an ihrer Beliebtheit hat. Ruhig und bestimmt erzählt sie von ihrem arbeitsreichen Leben, engagiert und fast mit stiller Leidenschaft hat sie ihre Beruf ausgeübt und unzähligen Leuten die Mittagspause versüßt – mit einem aufmunterndem Wort, einer Geste, einem Lächeln vielleicht. Wenn Frau Richter im Frühling 2007 in Rente gehen wird, dann ist diese mehr als wohlverdient - ihre KollegInnen werden eine große Lücke füllen müssen.

Sie hätte selbst nicht geglaubt, dass sie mal so lange im Studentenwerk sein würde. Als damals 1967 alles anfing, war sie eigentlich gelernte Möbelfachverkäuferin, und ihre kleine Tochter war noch nicht ganz drei, als sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die TU einen eigenen Kindergarten hätte. Kindergartenplätze waren damals rar, und so ließ sie sich von der Personalabteilung der TU Dresden gerne auch als Verkäuferin für Essenmarken einsetzen. Was sich in Zeiten von PC und Emeal niemand mehr vorstellen kann: Jahrzehntelang bis zur Wende wurden an der TU Essenmarken verkauft. Zu 0,70, 0,90, 1,20 oder 1,50 Mark (der DDR) für Angestellte und Professoren und zu 0,60 oder 0,80 Mark für Studenten.

Zu Hunderten gingen die Essenmarken täglich über den Tisch von Erika Richter und ihren drei Kolleginnen, und in den vielen Jahren müssen es Millionen gewesen sein, die sie verkauft hat. Auch wenn man das in heutigen, effizienten Zeiten nicht glauben will: Ein ausgeklügeltes Bestellsystem machte es möglich, dass jeder Mitarbeiter jedes Uni-Institutes in Listen erfasst wurde und seine Essenbestellung abgeben konnte, auch damals übrigens schon mit Wahlessen in vier verschiedenen Preiskategorien.

Mit dem Jahr 1989/90 kam die Wende, alles wurde anders. Die Mensen wurden vom Studentenwerk übernommen und so auch die Mitarbeiter. Erika Richter stand vor der Wahl, weiter in „ihrer“ Mensa zu arbeiten, nunmehr allerdings an der Bar-Kasse, oder einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen. Sie entschied sich, der Alten Mensa die Treue zu halten. Weitere sechzehn Jahre sind ins Land gegangen und Erika Richter hat es nicht bereut, als Kassiererin weitergearbeitet zu haben, auch wenn Reinigungs- und Aufräumarbeiten hinzugekommen sind – sie ist sich nicht zu schade, anfallende Arbeiten anzupacken. Täglich kassiert sie – gemeinsam mit einer weiteren Kollegin – in Spitzenzeiten bis zu 1.300 Portionen pro Tag. Nach wie vor fängt sie 7.00 Uhr an zu arbeiten, bis 15.45 dauert ihr Tag in der Mensa, dann fährt sie mit dem Bus zurück nach Bannewitz und kümmert sich um Familie, Haus, Hund und Garten.

Das alles wird sich nächstes Jahr ändern. „40 gute Jahre sind dann vorbei, die Atmosphäre hat immer gestimmt, aber jetzt müssen mal die Jüngeren ran“ – sagt Erika Richter selbst. Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass es für sie sicher eine große Umstellung sein wird, wenn sie im Frühjahr 2007 in Rente geht. Möge sie ihre Freizeit genießen, aber sowohl ihre KollegInnen als auch viele Studenten und UNI-Mitarbeiter werden sie vermissen, wenn sie nicht mehr an der Kasse in der Mensa sitzt und einen „Guten Appetit“ wünscht.

Anja Buch

Zurück zur Übersicht der SPIEGEL-EI-Ausgabe 17/2006