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Lebensplanung mit der Bundesbildungsministerin: Die BaföG-Novelle speist die Studenten mit Redensarten ab

Ein Artikel aus der SPIEGEL-EI-Ausgabe 6/2007, gültig vom 19.03.2007 bis 01.04.2007.

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Im Zusammenhang mit der Entscheidung der Bundesregierung, die Parameter für die BAföG-Förderung nicht anzupassen, obwohl seit der letzten BAföG-Erhöhung im Jahr 2001 sowohl die Preise als auch die anzurechnenden Einkommen sich deutlich erhöht haben, ist das Thema gerechte Ausbildungsförderung in der Presse vielfach diskutiert worden. Aus der Menge der Artikel drucken wir hier einen Beitrag aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.02.2007 von Jürgen Kaube ab, der mit seiner Glosse - wie wir finden - den Nagel auf den Kopf getroffen hat

„Das gegenwärtige bildungspolitische Angebot an deutsche Abiturienten lautet so: Studiert bitte, denn wir brauchen hochqualifiziertes Personal dringender denn je (wg. Weltmarkt, Demographie, Wissensgesellschaft und so weiter). Studiert dabei am besten Geisteswissenschaften, denn das kommt uns nicht so teuer, und für die Universitäten, vor allem für die Lehre wollen wir ja nicht mehr als unbedingt nötig ausgeben (siehe Hochschulpakt, Bildungsanteile am öffentlichen Haushaltsvolumen, Betreuungsverhältnisse). Studiert aber auf jeden Fall nicht so lange, am besten nur sechs, sieben Semester bis zum Bachelortitel, der für die meisten von euch ja auch vollkommen ausreicht. Dann seid ihr - die Schulzeit haben wir ja auch gerade um ein Jahr verkürzt - höchstens zweiundzwanzig und habt alle Zeit der Welt, um euch nach Praktikumsplätzen umzuschauen, auf denen ihr, aller Erfahrung nach, mindestens drei, vier Jahre verweilt. Unterdessen stellen wir euch schon einmal als „erfolgreich am Arbeitsmarkt platziert" in unsere Statistiken ein.

Vergesst als Studenten dabei allerdings nicht, ein bisschen Geld zurückzulegen, denn für all das unterbreiten wir euch folgenden Finanzierungsvorschlag: Ihr zahlt 500 Euro pro Semester, unabhängig davon, was ihr studiert, und auch unabhängig davon, was eure Hochschule mit diesem Geld macht (zum Beispiel wie kürzlich aus Ulm berichtet, ihre erhöhten Heizkosten bezahlen). Wenn ihr das und die von uns ermittelten 730 Euro an monatlichen Lebenshaltungskosten von Studenten nicht anders aufbringen könnt, nehmt euch einfach einen Kredit, Die Zinsen für Studien- und Studiengebührenkredite liegen derzeit zwischen 5,95 (Kreditanstalt für Wiederaufbau) und 7,2 Prozent (L-Bank, Baden-Württemberg), Das lauft, je nach Studienlänge, bei Inanspruchnahme des Durchschnittskredits und einer Tilgung über 25 Jahre auf Beträge zwischen 40 000 und 90 000 Euro Rückzahlung hinaus.

Klingt teuer. Aber dafür haben viele von euch dann ja auch einen Mastertitel und sind vielleicht sogar promoviert worden, was euch an den Hochschulen selbst für eine Stelle qualifizieren würde, die monatlich etwa 3000 Euro brutto einbrächte, sofern es sie denn gäbe.

Bei solchen Möglichkeiten werdet ihr es bestimmt ertragen, dass wir die Ausbildungsförderung für Kinder einkommensschwacher Eltern - im Durchschnitt 375 Euro, maximal 585 Euro monatlich - seit 2001 nicht mehr angehoben haben und es auch in diesem Jahr nicht tun. Das entspricht einem Kaufkraftverlust von etwa acht Prozent, aber dafür dürft ihr nach unserer BaföG-Novelle nunmehr 400 Euro monatlich hinzuverdienen, was zwar einerseits wieder die Studienzeit verlängert, euch aber andererseits auch schon einmal mit eurem künftigen Leben als Mehrfachjobber vertraut macht. Außerdem sind ja Grundnahrungsmittel und Bücher von der Mehrwertsteuererhöhung nicht betroffen.

Also, wie gesagt, Abiturienten, studiert bitte, denn Bildung ist etwas, ganz, ganz Wichtiges für uns. Studiert schnell (Effizienz!), studiert auch im Ausland (Mobilität!) und arbeitet nebenher (Praxiserfahrung!). Und bevor wir's vergessen: Wenn möglich während des Studiums Kinder bekommen, denn Kinder sind uns auch ganz, ganz wichtig.“

Jürgen Kaube, FAZ vom 15.02.2007

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