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Als Bosch-Tutorin in Dresden (Teil 1)

Ein Artikel aus der SPIEGEL-EI-Ausgabe 5/2005, gültig vom 28.02.2005 bis 12.03.2005.

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„Dresden! Oh, wie schön!“ habe ich jedes Mal gehört, als ich den verschiedenen Professoren der germanistischen Fakultät an meiner Uni in Amerika von meinen Plänen erzählte. Und jedes Mal folgte dem Ausruf: „Aber Mensch, viel Glück bei den Sachsen und ihrer Sprache. Das ist ja kein Deutsch. Ich verstehe kein Wort.“ Da kann man sich vorstellen, dass meine Gefühle in den Wochen vor dem Abflug ziemlich gemischt waren. Ich freute mich drauf, in einer so hübschen Stadt zu wohnen, aber die Vorstellung, ich könnte die Sprache nicht verstehen, machte mir ein bisschen Angst.

Aber so schlimm war es nicht. Ich habe zwar nicht alles sofort mitgekriegt und konnte manchmal erst nach zwei oder drei Wiederholungen einen Satz richtig gut verstehen, aber ich war absolut glücklich, dass die berüchtigte sächsische Sprache mir überhaupt wie Deutsch vorkam. Deswegen lernte ich nach dem ersten Tag etwas sehr Wichtiges: Wenn die Erwartungen tief genug sind, dann wird man nie enttäuscht.

Im Gegenteil möchte ich sagen, dass ich etwas höhere Erwartungen von den Studenten in meinen Kursen habe. Jeder Student soll engagiert teilnehmen und zuhören. Ich versuche, interessante Themen auszuwählen (aber, ehrlich gesagt, wer würde das nicht machen?), die wir zusammen oder in kleinen Gruppen diskutieren. Ich habe normalerweise einen Lesetext vorbereitet und so oft wie möglich bringe ich eine passende CD oder DVD mit, die wir alle anhören bzw. anschauen können.

Ich finde es selber sehr passend, dass ich, eine Frau aus dem Herzen der USA, in Dresden eingesetzt wurde. Was die meisten Deutschen von den USA kennen, sind nur die Küsten, besonders New York und LA. Andererseits, was die meisten Amerikaner von Deutschland kennen, ist nur Westdeutschland, besonders München. Vor diesem Jahr gehörte ich auch zu dieser Gruppe, obwohl ich schon seit neun Jahren Deutsch gelernt hatte. Jetzt aber habe ich viel von dem Osten gelernt, und gleichzeitig habe ich meinen Studenten viel über den Midwest der USA beigebracht.

Clarissa Howe

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