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Geschäftsführer des Studentenwerks ist seit reichlich 100 Tagen im Amt - was hat sich getan?

Ein Artikel aus der SPIEGEL-EI-Ausgabe 11/2010, gültig vom 25.05.2010 bis 06.06.2010.

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Der neue Geschäftsführer des Studentenwerks Dresden, Martin Richter, ist seit Januar 2010 im Amt. Nun wollte Spiegel-Ei wissen, ob sich Erwartungen bestätigt haben und die Ziele klar sind.

Spiegel-Ei: Was ist das Fazit nach den ersten 100 Tagen im Amt?

Martin Richter: Es gibt viel zu tun in einem großem Unternehmen wie dem Studentenwerk. Zuerst einmal habe ich mir einen Überblick verschafft, war in den Mensen, fast allen Wohnheimen und habe den Kollegen in den einzelnen Abteilungen über die Schulter geschaut. Ich besuchte die Standorte Zittau und Görlitz und habe mit den Vertretern der Hochschulen und der Studentenschaften Kontakt aufgenommen. Die erste große Herausforderung, vor der wir jetzt stehen, ist die Bezuschussung für das Studentenwerk im Doppelhaushalt 2011/12 des Freistaates.

Spiegel-Ei: Kann man bereits konkret sagen, wo es bei den angekündigten Kürzungen zu Einschnitten im Studentenwerk kommen wird? Werden die Semesterbeiträge steigen?

Martin Richter: Für dieses Jahr kann ich sagen: Wir können ein Ansteigen der Semesterbeiträge verhindern. Aber wir können nicht wissen, wie sich das für die Folgejahre entwickelt. Ob das Studentenwerk dann die Beiträge oder die Preise in den Mensen erhöhen muss, hängt ganz von den entsprechenden Beschlüssen zum nächsten Doppelhaushalt ab.

Spiegel-Ei: Sie kommen beruflich aus der Diakonie, haben neben einem juristischen Abschluss auch einen in Theologie - liegt Ihnen der Sozialbereich besonders am Herzen?

Martin Richter: Ich sehe hier keinen Unterschied bei der Arbeit unserer Abteilungen. Das Studentenwerk Dresden hat seine Hausaufgaben gemacht in Sachen Kinderfreundlichkeit, Sozialberatung von Studierenden und Unterstützung von jungen Familien. Aber ist nicht auch die Bereitstellung von Wohnheimzimmern mit günstiger Miete, von preiswertem, gesundem Essen und die Studienfinanzierung - also der gesamte Service rund ums Studium, wie es in unserem Slogan heißt - ureigenster Bestandteil der sozialen Unterstützung? Ich lege Wert darauf, dass alle Bereiche gleich wichtig genommen werden und kommuniziere das so auch an die Mitarbeiter.

Spiegel-Ei: Im Januar sagten Sie im Spiegel-Ei: "Das Studentenwerk braucht eine effiziente Verwaltung, hier wird es immer wieder neue Herausforderungen, auch struktureller Art, geben..." - Wie ist der derzeitige Stand?

Martin Richter: Da ist einiges in Bewegung. In der Geschäftsleitung prüfen wir z.B. neue Arbeitszeitmodelle, auch das Controlling steht im Fokus von Veränderungen, und bei den Softwaresystemen, die das Studentenwerk benutzt, muss sicher etwas passieren, damit "Insellösungen" bald der Vergangenheit angehören und aufeinander abgestimmte EDV-Systeme unsere Arbeit einfacher und effizienter gestalten. Auch die Aufgabenzuordnung und die Struktur der Abteilungen stehen derzeit auf dem Prüfstand. Nicht zuletzt gehen ja auch einige MitarbeiterInnen in den Ruhestand. Sollten Ansprechpartner wechseln, werden wir das den Studierenden rechtzeitig bekannt geben.

Spiegel-Ei: Hatten Sie bereits Gelegenheit, Kollegen anderer Studentenwerke kennenzulernen und deren Angebote mit denen des Studentenwerks Dresden zu vergleichen?

Martin Richter: Gut, dass Sie das ansprechen, gerade komme ich aus Trier zurück. Dort kochten im Rahmen der Aktion Tandem Köche aus der Mensa Reichenbachstraße, und demnächst werden die Köche aus Trier hier bei uns zu Gast sein. Ich finde es immer nützlich, über den berühmten "Tellerrand" zu schauen. So wie ich Interessantes aus dem Bereich Marketing in Trier mitnehmen konnte, will der Kollegen aus Trier sich bei unserem Campus-Nest und unseren Kulturangeboten genauer umschauen.

Spiegel-Ei: Wie beurteilen Sie die Sozialerhebung des DSW? Worin sehen Sie die Ursache, dass von 100 Akademiker-Kindern 71 studieren, von 100 Nicht-Akademikerkindern aber nur 24 den Sprung an eine Hochschule schaffen?

Martin Richter: Hierzu möchte ich Ralf Dobischat, den Präsidenten des Deutschen Studentenwerkes, zitieren: "Die Bildungsbiografie ist in Deutschland noch immer eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Ob jemand studiert oder nicht, hängt ganz entscheidend vom Bildungsstatus der Eltern ab, vor allem davon, ob die studiert haben oder nicht. Hochschulbildung gleicht einem "kulturellen Kapital", das von Akademiker-Generation zu Akademiker-Generation weitervererbt wird. Anders ausgedrückt: Die Akademiker reproduzieren sich selbst. Kinder von Beamten, die einen Hochschulabschluss haben, studieren fast viermal so häufig wie Arbeiterkinder. Aber die Bildungspotenziale bei den Akademikern sind so gut wie ausgeschöpft. Wir müssten alles daran setzen, mehr junge, begabte Menschen aus hochschulfernen, tendenziell einkommens- schwächeren Familien für ein Studium zu mobilisieren. Das gelingt kaum. Von sozial offenen Hochschulen sind wir in Deutschland weit entfernt. Auch Bachelor/Master haben bisher offenbar nicht mehr junge Menschen aus hochschulfernen Schichten anlocken können - diese Hoffnung war mit der Einführung der neuen Studiengänge ausdrücklich verbunden; sie hat sich nicht erfüllt. Wenn wir aber mehr Studenten aus den bildungsferneren Schichten gewinnen wollen, brauchen wir unverzichtbar die Angebote der direkten und indirekten Studienförderung, wie sie die Studentenwerke anbieten."

Spiegel-Ei: Sie wurden mittags des Öfteren in der Mensa Reichenbachstraße gesichtet. Hat sich das Mensaessen seit ihrer Studentenzeit verbessert?

Martin Richter: Ich habe inzwischen schon in fast allen Mensen des Studentenwerks gegessen. Ich möchte damit sowohl unseren "Kunden" als auch unseren Mitarbeitern demonstrieren, dass ich zu unseren Produkten stehe. Außerdem ist das für mich eine Form der Qualitätskontrolle. Obwohl das Angebot während meiner Studienzeit (die war in Dresden von 1993-1997 A.d.R.) schon nicht schlecht war, ist es mit der heute gebotenen Qualität und Vielfalt nicht zu vergleichen. Die gute Qualität des Mensaessens schlägt sich ja auch in den stetig steigenden Essenszahlen nieder...

Spiegel-Ei: Fühlen Sie sich wohl im nun nicht mehr ganz neuen Amt?

Martin Richter: Auf jeden Fall. Ich habe eine neue Herausforderung gesucht und wollte die Möglichkeit wahrnehmen, Prozesse neu zu gestalten, und das gelingt mir, denke ich, zunehmend besser. Für die studentischen Anliegen möchte ich persönlich erreichbar sein und das ist auch so bei den Studierenden angekommen. Kurz gesagt, mir macht die neue Aufgabe viel Freude.

Spiegel-Ei: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Anja Buch.

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